Es gibt eine These, die in der kritischen Öffentlichkeit umläuft und die scharf klingt: Die Wirtschaftsinteressen wollen den Autoritarismus, sie hätten ihn bewusst herbeigeführt, um ihre Gewinne auch ohne Wachstum zu sichern. Geprüft am Forschungsstand zeigt sich, dass an dieser These ein wahrer Kern steckt und ein gefährlicher Fehler. Der wahre Kern ist ein reales Muster. Der Fehler ist das Wort wollen, die Vorstellung eines Plans. Dieses Kapitel trennt beides und baut aus dem wahren Kern etwas, das reifer ist als seine Vorlage und das die Anti-Feindbild-Linie des Werks nicht gefährdet, sondern stärkt.
Die Brücke vom Wachstumszwang zum autoritären Griff
Das Werk hat den Wachstumszwang beschrieben, die Nötigung eines Systems, immer mehr zu produzieren und zu verkaufen, weil sonst die Ansprüche der Investoren, der Arbeitenden und des Staates nicht zugleich zu bedienen sind. Solange das Wachstum lief, in den Nachkriegsjahrzehnten, war das erträglich, der wachsende Kuchen sättigte alle. Als das Wachstum in den siebziger Jahren zurückging, war die Zeit vorbei, in der alle zugleich mehr bekommen konnten, und die Verteilung wurde zum Nullsummenspiel.
Hier setzt die Brücke an, die dieses Kapitel schlägt. Wenn ein System seine Legitimation aus dem Wachstum bezieht und das Wachstum versiegt, dann steht es vor einer Wahl. Entweder es verteilt das Vorhandene gerechter, dann verlieren die Oberen. Oder es sichert die Anteile der Oberen, dann verlieren die Unteren, und die wachsende Ungleichheit erzeugt Zorn, der irgendwann auf die Straße drängt. Die Politökonomie hat für den zweiten Weg einen Namen, den autoritären Neoliberalismus, verstanden als Umverteilung nach oben durch das Mobilisieren von Aggression nach unten. Wenn die Wachstums-Legitimation erschöpft ist, bleibt zur Sicherung der Konzentration die härtere Hand, die staatliche Kontrolle gegen die, die zu laut fragen, und der Sündenbock, der den Zorn ablenkt. Das verbindet zwei Bausteine des Werks, die bisher nebeneinander standen, den Wachstumszwang und die Neurobiologie des Autoritarismus, zu einer Kette: Der erschöpfte Wachstumszwang treibt in den autoritären Griff.
Kein Plan, sondern ein Feld, das sich neigt
Aber jetzt der entscheidende Unterschied zur Vorlage, und er ist das Herzstück. Es braucht dafür keinen Plan. Es gibt keinen Raum, in dem die Mächtigen sich treffen und den Autoritarismus beschließen. Es gibt keine Verschwörung. Was es gibt, ist etwas Unheimlicheres und Wahreres: ein emergentes Muster, ein Ergebnis, das aussieht wie geplant, aber aus dem Zusammenspiel vieler einzelner Interessen entsteht, ohne dass irgendwer es entworfen hätte. So wie ein Schwarm Vögel eine Form an den Himmel malt, die kein einzelner Vogel geplant hat, weil jeder nur seinem Nachbarn folgt. Es genügt, dass die Interessen der Wirtschaftsmächtigen in dieselbe Richtung zeigen und dass an einzelnen Punkten Menschen zusammenarbeiten, weil es ihnen gerade beiden nützt. Das Ergebnis gleicht einem Plan, aber es hat keinen Planer.
Und, das ist der Zusatz, der alles trägt, dieses Feld ist nicht neutral, es hat eine Schlagseite. Nicht alle Interessen setzen sich gleich gut durch. Wer Geld hat, hat die Mittel, sein Interesse in Politik zu übersetzen, über Lobby, über Medien, über Kapital, und wer keins hat, hat sie nicht. Das Feld neigt sich nach oben, weil die einen die Werkzeuge der Übersetzung besitzen und die anderen nicht. Es ist kein Plan, aber es ist auch kein Zufall. Es ist eine eingebaute Neigung, sodass dieselbe Bewegung, die für den Reichen leicht ist, für den Armen schwer bleibt. Das ist der Gefälle-Baustein des Werks, von der Gesundheit auf die Politik übertragen: ein Feld mit einer Schlagseite, das immer in dieselbe Richtung zieht.
Die Schwerkraft, nicht die Verschwörung
Daraus fällt das Bild, das diesen Baustein zusammenhält. Es ist nicht die Verschwörung der Reichen, es ist die Schwerkraft des Reichtums. Eine Verschwörung wäre ein Plan, den jemand geschmiedet hat und den man aufdecken könnte. Schwerkraft ist eine Kraft, die immer in dieselbe Richtung zieht, ohne dass jemand sie ausübt. Niemand hat die Schwerkraft erfunden, und man bekämpft sie nicht, indem man ihren Erfinder entlarvt, es gibt keinen. Reichtum zieht Reichtum an und Einfluss zieht Einfluss an, mit einer Stetigkeit, die aussieht wie Absicht und keine ist.
Diese Fassung ist der Vorlage aus drei Gründen überlegen. Sie ist erstens wahrer, denn sie deckt sich mit dem Forschungsstand, der keinen Beleg für den bewussten Plan findet, aber sehr wohl für die strukturelle Schlagseite. Sie ist zweitens unwiderlegbar im guten Sinn, denn der Gegner kann nicht einwenden, er kenne aber viele anständige Investoren, das stimmt ja, und es ändert nichts, weil die Kritik gar nicht an den Absichten der Menschen hängt, sondern an der Neigung des Feldes. Und sie ist drittens, das ist für das Werk das Wichtigste, immun gegen die eigene Feind-Antwort. Wer keinen Planer braucht, braucht keinen Feind.
Der ausgewählte Feind
Ein Teil des Musters verdient besondere Aufmerksamkeit, weil er die Neurobiologie des Werks mit seiner Politökonomie verbindet. Der Zorn, den die Umverteilung nach oben erzeugt, muss irgendwohin, und er wird umgelenkt, weg von denen, die profitieren, hin zu den Schwächeren, den Migranten, den Linken, der fernen Bürokratie. Die Forschung beschreibt das: Rechtsaußenkräfte verknüpfen die wirtschaftliche Not mit der Anwesenheit von Minderheiten und machen diese zu Sündenböcken für Entwicklungen, mit denen sie nichts zu tun haben. Und die Neurobiologie des Werks erklärt, warum das so leicht gelingt, Bindung an die eigene Gruppe unter Stress aktiviert das koalitionäre Denken, den Blick, der überall Bedrohung durch Fremdgruppen wittert. Das ist die Feind-Antwort aus der Videoreihe, hier ökonomisch grundiert.
Der neue Gedanke ist, dass der Feind ausgewählt wird, aber, und das ist die Konsequenz aus dem vorigen Abschnitt, auch diese Auswahl braucht keinen Plan. Sie ist selbst emergent. Der Sündenbock, der von der Schlagseite ablenkt, setzt sich durch, weil er vielen zugleich nützt, denen, die von der Konzentration profitieren, und denen, die einen einfachen Feind für ihre reale Not suchen. Niemand muss sich hinsetzen und den Migranten als Ablenkung beschließen, es genügt, dass diese Erzählung all jenen dient, die ein Interesse daran haben, dass der Zorn nicht die Konzentration trifft. Der Feind wird von der Schwerkraft ausgewählt, nicht von einem Ausschuss.
Die Selbstwarnung, das eigentliche Herz
Und hier ist der Punkt, an dem dieser Baustein das Werk vor sich selbst schützt. Dieselbe Analyse, die die Konzentration kritisiert, könnte in Versuchung führen, ihren eigenen Feind zu bauen, den bewusst bösen Investor, den Reichen, der uns das mit Absicht antut. Das wäre ein doppelter Fehler. Es wäre erstens falsch, denn es gibt den Plan nicht, den es unterstellt. Und es wäre zweitens genau die Feind-Antwort, die das Werk beim Gegner diagnostiziert, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Das Werk würde sich seinen eigenen Sündenbock schaffen und damit den Mechanismus begehen, den es entlarvt. Es wäre die verletzliche Kippfigur aus dem eigenen Baustein, die aus erlittenem Unrecht Anspruch und Lähmung macht, und es wäre der Bruch des ein Wir ohne ein Gegen.
Die emergente Fassung ist die Rettung davor. Sie erlaubt die schärfste Kritik am System, ohne einem einzigen Menschen böse Absicht zu unterstellen. Man kann die Schwerkraft des Reichtums vollständig verurteilen und zugleich anerkennen, dass die meisten Reichen keine Bösewichte sind, sondern Menschen, die einer Neigung folgen, die sie nicht erfunden haben. Das ist keine Weichheit, es ist Härte, denn diese Kritik ist nirgends angreifbar. Sie kritisiert die Struktur, nicht die Menschen, und deshalb kann kein Hinweis auf gute einzelne sie entkräften. Halte die strukturelle Kritik fest, verweigere dir den menschlichen Feind, das ist die Disziplin dieses Bausteins.
Eine Form, die trägt
Wenn es keine Verschwörung ist, sondern Schwerkraft, dann folgt daraus auch die richtige Antwort. Man bekämpft die Schwerkraft nicht, indem man den entlarvt, der sie erfunden hat, es gibt ihn nicht. Man bekämpft sie, indem man eine Form baut, die trotzdem trägt. Ein Flugzeug leugnet die Schwerkraft nicht und sucht auch keinen Schuldigen für sie, es baut eine Gestalt, die fliegt, obwohl die Schwerkraft zieht. Genau das ist dieses Werk. Es ist nicht das Entlarven eines Feindes, es ist das Bauen einer Gegenstruktur, die trägt, obwohl das Feld sich neigt. Die Verteilung gegen die Konzentration, die Machtbremsen des Politiksystems gegen die Ballung, der Knoten gegen die Vereinzelung, all das sind Elemente einer Form, die der Schwerkraft des Reichtums eine Gestalt entgegensetzt, die dennoch fliegt.
Das ist der Unterschied zwischen dem Werk und seiner Vorlage. Die Vorlage sagt, es gibt Schuldige, erkennt sie. Das Werk sagt, es gibt eine Schlagseite, baut dagegen. Das eine erzeugt Wut auf Menschen, das andere die Kraft, zu bauen. Und nur das Zweite ist dieses Werk.
Die ehrlichen Grenzen
Drei Vorbehalte. Erstens, die Ursachen des Rechtsrucks sind wissenschaftlich umstritten. Es gibt die These der wirtschaftlichen Unsicherheit, Rodrik, Colantone und Stanig, und die These des kulturellen Backlash, Norris und Inglehart, und Mutz, der die Statusbedrohung über die wirtschaftliche Not stellt. Der ehrliche Stand ist, dass beides wirkt und sich verschränkt, und dass die rein ökonomische Erzählung zu sauber ist. Der Baustein soll die ökonomische Schlagseite ernst nehmen, ohne zu behaupten, sie erkläre alles. Der Import-Schock etwa verschiebt die politischen Werte, aber nicht den ganzen Charakter, die Menschen werden nicht im Kern autoritär, sie wählen unter Druck autoritär, und das ist ein Unterschied.
Zweitens, der Begriff des autoritären Neoliberalismus stammt aus der kritischen, heterodoxen Politökonomie, von Wolfgang Streeck und anderen. Er ist ein ernstzunehmender Deutungsrahmen, kein neutraler Konsens. Das Werk soll ihn als starke Deutung kennzeichnen, nicht als bewiesenes Gesetz.
Drittens, die Emergenz selbst darf nicht zur Ausrede werden, mit der sich alles erklären lässt. Ein Muster, das jede Beobachtung bestätigt und durch nichts widerlegt werden kann, ist keine Erkenntnis, sondern ein Glaube. Die Schlagseite ist eine Behauptung über die Welt, und sie muss prüfbar bleiben.
Das Scheiter-Kriterium ist deshalb benennbar. Die These der Schlagseite ist widerlegt, wenn sich zeigt, dass Reichtum sich nicht überproportional in politischen Einfluss übersetzt, dass also das Feld gar nicht geneigt ist, sondern eben, und die Ergebnisse sich gleichmäßig aus allen Interessen speisen. Und sie ist bestätigt, wenn Strukturen, die der Neigung entgegenwirken, die Verteilung, die Machtbremsen, die geloste Beteiligung, die Ballung nach oben nachweislich verringern. Der Beweis liegt nicht darin, dass man einen Schuldigen findet, sondern darin, ob eine Gegenform die Schlagseite tatsächlich ausgleicht.