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Die eine Frage

Warum dieses Werk das Gute zurückholt und nach Richtung urteilt, nicht nach Lager

Für alle. Lesezeit etwa acht Minuten.

Zwei Beobachtungen, die zunächst verschieden aussehen, sind in Wahrheit dieselbe. Die erste: Die Mechanismen, die uns heute ausnutzen, waren dafür gebaut, uns zu dienen, und einzelne haben sie gekapert. Die zweite: Konservativ und progressiv sind keine Gegensätze, sondern zwei Bewegungen, die einander brauchen. Beide Beobachtungen sind derselbe Gedanke, angewandt auf zwei verschiedene Achsen, und dieser Gedanke ist einer der tragenden des ganzen Werks. Er lautet: Beurteile ein Ding nicht nach seiner Kategorie, sondern nach seiner Richtung.

Die Grundfigur

Es gibt eine Figur, die durch das ganze Werk läuft, immer dieselbe, an immer neuer Stelle. Nicht der Mensch, die Umgebung. Nicht die Maschine, ihr Besitz. Nicht die Bindungsenergie, ihre Kaperung. Und jetzt: nicht der Mechanismus, seine Ausnutzung. Jedes Mal ist die Aussage dieselbe. Das Ding selbst, der Mensch, die Maschine, die Bindung, der Mechanismus, ist neutral oder sogar gut. Was es zum Guten oder zum Bösen wendet, ist nicht seine Natur, sondern die Richtung, in die es gestellt wird, und die Hand, in der es liegt. Wer diese Figur einmal erkannt hat, sieht sie überall im Werk, und sie ist der Grund, warum dieses Werk weder den Menschen verurteilt noch die Technik verteufelt noch die Vergangenheit verklärt. Es fragt bei allem nach der Richtung, nicht nach dem Etikett.

Das gekaperte Gute

Die Mechanismen der digitalen Welt, der Vergleich, die Sichtbarkeit, der Statuswettbewerb, sind nicht böse. Sie sind sogar gut gebaut, sie waren dafür gedacht, Menschen zu verbinden, einander zu zeigen, Wirkung zu erzeugen, einander anzuspornen. Und genau deshalb funktionieren sie so verheerend gut fürs Schlechte: weil sie ursprünglich fürs Gute gebaut waren. Einzelne haben erkannt, dass sich dieselbe Kraft, die Menschen zusammenbringt, umlenken lässt, sodass sie Menschen abschöpft. Nicht der Mechanismus ist die Krankheit, seine Kaperung ist es.

Daraus fällt die vielleicht hoffnungsvollste Aussage des ganzen Werks. Wenn die Ausbeutung nicht in der Natur der Werkzeuge liegt, sondern in ihrer Fehlrichtung, dann ist sie kein Naturgesetz, sondern ein Fehler, und Fehler kann man korrigieren. Man muss die Menschen nicht ändern und die Technik nicht abschaffen. Man muss die gekaperten Werkzeuge zurückholen und wieder richtig ausrichten. Das ist die Antwort auf die Frage, warum es dieses Werk geben muss: wegen der einzelnen, die Systeme, die dienen sollten, in Systeme verwandelt haben, die abschöpfen. Und das Werk ist die Rückeroberung dieser Systeme für ihren ursprünglichen Zweck. Das ist eine andere und bessere Antwort als die des Maschinenstürmers, der die Werkzeuge zerschlägt. Es zerschlägt nichts, es holt zurück. Es schafft den Vergleich nicht ab, es richtet ihn wieder auf das Gute. Es schafft die Sichtbarkeit nicht ab, es koppelt sie wieder an die Tat.

Die Rückeroberung hat dabei zwei Gestalten, und man muss sie unterscheiden. Manchmal genügt es, ein Werkzeug neu auszurichten, denselben Mechanismus auf ein anderes Ziel zu drehen. Manchmal aber ist die Fehlrichtung so tief in den Bau eingelassen, dass man ihn nicht umlenken kann, sondern das gesunde Skelett behalten und den kranken Körper neu bauen muss. Der Sog des endlosen Stroms lässt sich nicht zähmen, er ist der Zweck jener Bauweise, also ersetzt man den Strom durch die liegende Karte und behält nur das Gesunde daran, dass Inhalt liegt und man ihn holt. Rückeroberung heißt deshalb genauer: das Dienliche nehmen und das eingebaute Abschöpfen verweigern, ob durch Umlenken oder durch Neubau.

Die falsche Gabelung

Dieselbe Figur, auf die Achse der Zeit angewandt, ergibt die zweite Beobachtung. Konservativ kommt von conservare, bewahren, erhalten. Progressiv kommt von progredi, voranschreiten. Das sind keine Gegensätze, das sind zwei Bewegungen, die einander brauchen. Wer nur bewahrt, erstarrt und hält auch das Faule fest, bloß weil es alt ist. Wer nur voranschreitet, reißt auch das Tragende ein, bloß weil es alt ist. Beide allein sind zerstörerisch, und beide sparen sich dieselbe Arbeit, nämlich im Einzelfall zu prüfen, ob ein Ding gut ist und bleiben soll oder schlecht ist und weichen muss. Der pauschale Bewahrer prüft nicht, er behält alles. Der pauschale Erneuerer prüft nicht, er ändert alles. Die gesunde Haltung ist anstrengender, weil sie bei jedem Ding neu urteilt, aber nur sie trifft.

Und das ist wieder genau die Grundfigur. Beurteile ein Ding nicht nach seiner Kategorie, hier nicht nach seinem Alter, sondern nach seiner Richtung, danach, ob es dient oder schadet. Das Alte ist nicht gut, weil es alt ist, und das Neue ist nicht gut, weil es neu ist. Beide sind Werkzeuge, und über beide entscheidet dasselbe: Dienen sie dem Menschen oder nutzen sie ihn aus.

Es ist dieselbe Bewegung

Damit sind die Kaperung und die Gabelung dieselbe Bewegung auf zwei Achsen. Auf der Achse des Gebrauchs fragt das Werk: Ist dieser Mechanismus darauf gerichtet, zu dienen, oder darauf, auszubeuten. Auf der Achse der Zeit fragt es: Ist diese alte oder neue Form dienlich oder faul. In beiden Fällen ist die Kategorie nicht das Urteil. Der Mechanismus an sich ist es nicht, das Alter an sich ist es nicht. Die Richtung ist das Urteil.

Und in beiden Fällen ist die Antwort dieselbe Bewegung: das Dienliche nehmen und das Schädliche lassen, gleich ob es alt ist oder neu, ob es Tradition heißt oder Technik. Das Werk bewahrt das gute Alte, die Genossenschaft, den dritten Ort, das Zeitkonto, die Nachbarschaftshilfe, und es erneuert das faule Alte, die graue Textwand, den vergilbten Aktenschrank. Es übernimmt das gute Neue, den Personennachweis, die lebendige Karte, und es verweigert das schädliche Neue, den Sog, das Tracking, das Abschöpfen. Eine einzige Disziplin überall: nimm, was dient, verweigere, was ausnutzt, unabhängig von Alter und Neuheit. Das ist der Grund, warum das Werk an jeder Stelle diese Mischung ist, das Bewahren des Menschlichen und das Erneuern der Form. Es nimmt die älteste menschliche Erfahrung, dass Verbindung Hunger ist, und beantwortet sie mit den Werkzeugen von heute.

Warum das Werk in kein Lager passt

Daraus folgt, warum dieses Werk in keine der politischen Schubladen passt und nicht passen darf. Es ist nicht links und nicht rechts, nicht konservativ und nicht progressiv im Sinne der Lager, weil es die falsche Gabelung selbst verweigert. Es ist bewahrend in dem, was es über den Menschen weiß, dass er Gemeinschaft braucht, Würde, einen Ort, Wurzeln, und es ist radikal erneuernd in den Formen, mit denen es das einlöst. Wer es von der einen Seite liest, findet die Kapitalismuskritik und die Gemeinschaft. Wer es von der anderen liest, findet die Wurzeln, die Tradition, das Bewahren des Menschlichen gegen die Entfremdung. Beide haben recht, und beide sehen nur die Hälfte, weil das Werk die Trennung nicht mitmacht. Das ist keine Unentschiedenheit, es ist die bewusste Verweigerung einer Spaltung, die mehr zerbricht, als sie ordnet. Die Schwer-Einzuordnen-heit des Werks ist keine Schwäche, sie ist die Folge davon, dass es die eine Frage stellt und nicht die Lagerfrage.

Die eine Frage

Alles läuft auf eine einzige Frage zu, die das Werk an jedes Ding stellt, an das alte und das neue, an die Tradition und die Technik, an den Mechanismus und die Form: Dient es dem Menschen und den Vielen, oder nutzt es sie aus. Diese Frage schneidet quer durch alle falschen Gabelungen, durch links und rechts, durch bewahrend und erneuernd, durch technikgläubig und technikfeindlich. Sie ist der Kompass des Werks, und sie ist einfacher und härter als jede Lagerzugehörigkeit, weil sie keine pauschale Antwort erlaubt, sondern bei jedem Ding neu gestellt werden muss.

Die ehrlichen Grenzen

Drei Vorbehalte, denn diese eine Frage ist mächtig und deshalb gefährlich, wenn man sie sich zu leicht macht.

Erstens, das Urteil im Einzelfall kann in Willkür kippen. Wer bei jedem Ding neu entscheidet, was dient und was ausnutzt, könnte am Ende einfach das gut nennen, was ihm gefällt, und Ausbeutung, was ihm missfällt. Dann wäre die eine Frage nur eine Tarnung für die eigene Vorliebe. Die Sicherung dagegen ist, dass das Urteil nicht der Geschmack eines Einzelnen sein darf, sondern gebunden bleibt an die ausgesprochenen Maßstäbe des Werks, die Würde ohne Bedingung, keine Machtkonzentration, der Dienst an den Vielen, und offen für die Prüfung durch das Netz, nicht ein privates Verdikt. Sonst wird die prüfende Instanz selbst zur Macht, genau die Gefahr, die das Werk überall bekämpft.

Zweitens, die Rede vom neutralen Werkzeug darf nicht die Bauweisen verharmlosen, die von Grund auf zum Ausbeuten gebaut sind. Manche Mechanismen kann man nicht umlenken, weil das Abschöpfen ihr Zweck ist, nicht ihr Missbrauch. Für sie gilt der Neubau, nicht die Umwidmung. Wer jedes Werkzeug für rettbar hält, unterschätzt die, die auf Ausbeutung hin entworfen wurden.

Drittens, das Jenseits von links und rechts ist selbst eine Haltung, die missbraucht werden kann. Sie kann ein ehrliches Überwinden falscher Lager sein, und sie kann eine Ausrede sein, um sich vor klaren Festlegungen zu drücken. Das Werk verdient diese Haltung nur, wenn es konkrete Positionen bezieht, zur Konzentration, zur Würde, zur Verteilung, und nicht, wenn es das Jenseits benutzt, um sich vor ihnen zu drücken.

Das Scheiter-Kriterium ist deshalb benennbar. Die eine Frage taugt nur, solange sich für jeden konkreten Fall vorab sagen lässt, was als Dienen und was als Ausnutzen gälte, und das Werk sich daran binden lässt. Sie ist widerlegt als redliches Werkzeug in dem Moment, wo sie zu einem Freibrief wird, mit dem sich alles Gewünschte gut und alles Unerwünschte böse nennen lässt, ohne dass die Maßstäbe unabhängig prüfbar wären. Sie trägt, solange das Werk in jedem Einzelfall im Voraus sagen kann, woran es sein Urteil misst, so wie jeder Baustein sein eigenes Scheiter-Kriterium trägt.

Mehr davon: zurück zu den Gedanken. Die Sammlung wächst nach und nach.

Wenn du zu diesem Text etwas sagen willst: info@knotenpunk.de. Das liest ein Mensch, und du bekommst eine Antwort, auch wenn sie kurz ist.