Noch im Durchgang. An diesem Text wird noch gearbeitet, und einzelne Zahlenangaben werden noch an den Quellen geprüft.

Der Kippschalter

Wie die Wahrnehmung der Knappheit vom Teilen ins Rauben umschaltet.

Für alle. Lesezeit etwa zehn Minuten.

Das Werk hat den Wachstumszwang beschrieben, die Nötigung eines Systems, immer weiter zu wachsen. Dieser Baustein beschreibt, was geschieht, wenn das Wachstum an eine Wand stößt, wenn der Kuchen nicht mehr größer werden kann. Dann kippt etwas, im Großen wie im Kleinen, und dieses Kippen ist der Kern dieses Kapitels. Es verbindet zwei Stränge des Werks, die bisher getrennt liefen, die Ökonomie der Konzentration und die Psychologie des Mangels, und es zeigt, dass beide dieselbe Bewegung sind, einmal an der Gesellschaft und einmal am einzelnen Menschen.

Die zwei Modi des Kapitalismus

Der Ökonom und Historiker Arnaud Orain hat eine Unterscheidung vorgelegt, die den üblichen Streit zwischen freiem Markt und Staatseingriff hinter sich lässt. Er unterscheidet nicht liberal gegen staatlich, sondern zwei ganz andere Modi, den liberalen Kapitalismus und den Kapitalismus der Endlichkeit.

Der liberale Kapitalismus beruht auf der Vorstellung, der Kuchen könne wachsen. Solange er wächst, können sich alle bereichern, Menschen, Unternehmen, Staaten, wenn sie nur das Wettbewerbsprinzip einhalten, Freihandel treiben, Monopole zerschlagen, Zölle abschaffen. Das ist ein Positivsummenspiel, was der eine nicht hat, kann der andere herstellen und tauschen, beide gewinnen. Das ist das Versprechen der glücklichen Globalisierung, die Welt als Dorf ohne Grenzen.

Der Kapitalismus der Endlichkeit beruht auf der gegenteiligen Vorstellung, der Kuchen sei endlich und könne nicht größer werden. Dann wird jeder Gewinn des einen zum Verlust des anderen, ein Nullsummenspiel, und es kehrt zurück, was Orain die Prädation nennt, die Raubtiermentalität. Man setzt wieder auf Monopole und Zölle, auf eine Wagenburg, man treibt nur noch mit den eigenen Freunden, Vasallen und Kolonien Handel, und man reißt sich Ressourcen und Märkte mit Gewalt unter den Nagel. Der liberale Kapitalismus fördert Überfluss und niedrige Preise, der Kapitalismus der Endlichkeit fördert Macht, die Macht der Staaten und der Monopolkonzerne. Und weil systemische Rivalen um dieselben knappen Güter ringen, nehmen in solchen Phasen die Konflikte zu, bis hin zum offenen Krieg.

Der Kippschalter, und warum er gerade jetzt umlegt

Das ist die Ergänzung, die dem Wachstumszwang gefehlt hat. Der Wachstumszwang beschreibt den Druck zu wachsen, aber er erklärt nicht, warum die Schwerkraft des Reichtums gerade jetzt in offene Aggression umschlägt, in Zölle, in den Griff nach Grönland, nach den Ölreserven Venezuelas, nach den Seewegen. Orains Antwort ist der Kippschalter. Nicht die Menschen sind böser geworden, die Wahrnehmung der Knappheit hat den Modus umgeschaltet. Sobald genug mächtige Akteure glauben, es reiche nicht mehr für alle, kippt das Positivsummenspiel ins Nullsummenspiel, und das Teilen weicht dem Rauben.

Und die Auslöser dieser Wahrnehmung sind real, nicht eingebildet. Da ist die ökologische Grenze des Planeten, das Gefühl, dass Mineralien, fossile Lagerstätten und Ackerland endlich sind. Da ist der Aufstieg neuer Mächte, der die alten Sieger bedroht. Das liberale Versprechen vom Überfluss zerschellt an den natürlichen Grenzen und an der Stagnation, und daraus entsteht das Gefühl, man könne sich bei den Ressourcen nicht mehr auf den Markt verlassen, man müsse sie sich sichern, mit allen Mitteln.

Die Selbstentlarvung des liberalen Versprechens

Ein Nebengedanke Orains schützt das Werk vor einer Naivität, der Verklärung des liberalen Modells. Eine liberale Phase endet meistens, so Orain, weil die Sieger von gestern schlechte Verlierer sind. Solange der Westen vorne lag, predigte er den freien Wettbewerb und die komparativen Vorteile. In dem Moment, in dem China in genau diesem Spiel besser und billiger wird, wirft der Westen seine eigenen Regeln über Bord und greift zu Zöllen und Abschottung. China hält ihm den Spiegel vor, wendet doch die wirtschaftsliberale Theorie, die ihr uns gelehrt habt, selbst an, schließt eure Fabriken und kauft dort, wo andere günstiger produzieren. Der Westen kann das nicht, also fällt das Wettbewerbsprinzip. Es galt nur, solange die Richtigen gewannen.

Das ist eine scharfe und für das Werk nützliche Beobachtung. Das liberale Modell war nie das neutrale, faire System, als das es sich ausgab, es war das System der jeweiligen Hegemonialmacht, und es wird fallengelassen, sobald es dem Hegemon nicht mehr nützt. Das Werk soll deshalb weder das liberale noch das autoritäre Modell verklären, denn beide sind Formen desselben Kapitalismus, und der Wechsel zwischen ihnen folgt nicht dem Recht, sondern der Macht.

Die zyklische Geschichte

Orain zeigt, dass sich die zwei Modi seit dem sechzehnten Jahrhundert abwechseln, und die bittere Pointe ist, dass die Raubtier-Phasen der Endlichkeit die längeren sind und die liberalen Phasen nur kurze Einschübe von wenigen Jahrzehnten, Mitte des neunzehnten und Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Der Kapitalismus beginnt sogar im Endlichkeits-Modus, im Merkantilismus der Handelskompanien und Kolonialmonopole, und die freundliche, offene Welt, die viele für den Normalzustand halten, war die seltene Ausnahme.

Das relativiert eine stille Annahme und macht das Werk zugleich nüchterner und dringlicher. Der Zustand, gegen den es antritt, ist nicht die vorübergehende Verirrung einer sonst freundlichen Welt, er ist eher das wiederkehrende Grundmuster. Das nimmt dem Werk die Illusion, es müsse nur eine kurze Störung überbrücken, und es gibt ihm zugleich die Würde einer Aufgabe, die an der Wurzel ansetzt, nicht an einem Symptom.

Die Brücke: Knappheit im Großen und im Kleinen

Und hier ist der eigentliche Fund, die Verbindung von Orains Ökonomie mit der Psychologie des Werks. Orains Endlichkeit ist im Kern eine Wahrnehmung, das Gefühl, es reiche nicht für alle. Und genau dieses Gefühl ist unabhängig und breit erforscht, in der Psychologie der Knappheit, und dort zeigt sich dieselbe Bewegung am einzelnen Menschen, die Orain an den Staaten zeigt.

Die Forschung ist deutlich. Es gibt einen Nullsummen-Glauben, die Überzeugung, dass Erfolg, besonders wirtschaftlicher, nur auf Kosten anderer möglich sei, und er wurde in einer Untersuchung über siebenunddreißig Nationen als eine Art sozialer Grundannahme gemessen. Dieser Glaube untergräbt die Zusammenarbeit, schwächt das Wachstum und verschärft die Feindseligkeit, und, das ist die bittere Rückkopplung, er erschafft damit genau die Knappheit und den Antagonismus, die er unterstellt. Wer glaubt, es sei ein Nullsummenspiel, handelt so, dass es eines wird. Dazu kommt, dass die bloße Wahrnehmung von Knappheit, unabhängig davon, woran es mangelt, an Geld, Zeit, Nahrung, den Blick verengt, das Denken auf das unmittelbar Dringliche zusammenzieht und die langfristige Überlegung verdrängt. Und, besonders eindrücklich, ein herbeigeführter Mangel-Zustand dämpft messbar das Mitgefühl, die Fähigkeit, den Schmerz anderer zu empfinden, sinkt, im Verhalten wie im Gehirn.

Das ist die genaue psychologische Entsprechung von Orains Kippschalter. Was beim Staat die Prädation ist, ist beim Menschen die verengte, misstrauische, weniger mitfühlende Haltung des Mangels. In beiden Fällen schaltet die Wahrnehmung der Knappheit vom Miteinander ins Gegeneinander. Und damit ist dieses Werk, von hier aus gesehen, der Versuch, aus dem Endlichkeits-Modus auszusteigen, nicht durch die Leugnung realer Grenzen, sondern durch eine andere Art, mit ihnen umzugehen. Die Würde ohne Bedingung, die Substitutionsumgebung, das Wir ohne das Gegen, all das sind Weisen, den Kippschalter nicht umlegen zu lassen, das Fülle-Denken gegen das Mangel-Denken zu halten, auch wenn die Ressourcen wirklich begrenzt sind. Denn der entscheidende Punkt ist, dass die Grenze real sein kann und die Raubtier-Antwort trotzdem eine Wahl bleibt. Knappheit erzwingt das Rauben nicht, sie legt es nahe, und eine andere Umgebung kann eine andere Antwort nahelegen, das Teilen.

Die andere Antwort

Bis hierhin klingt der Baustein düster, so, als käme jetzt zwangsläufig wieder Krieg und Elend und man könne nur zusehen. Das wäre ein Missverständnis, und es wäre ein Widerspruch zum ganzen Werk. Der Kippschalter ist keine Prophezeiung, er ist eine Ermächtigung, und das aus vier Gründen.

Der erste steht schon im Kernsatz des Werks, nicht der Mensch, die Umgebung. Der Kippschalter sagt genau das, im Großen. Die Menschen werden nicht böse, die Umgebung der wahrgenommenen Knappheit legt das Rauben nahe. Aber was eine Umgebung nahelegt, das erzwingt sie nicht, und Umgebungen kann man bauen. Damit ist der Baustein keine Kapitulation, sondern die genaue Beschreibung dessen, woran dieses Werk arbeitet, an der Umgebung, die bestimmt, wie der Schalter steht.

Der zweite ist, dass zwischen der Knappheit und der Raubtier-Antwort eine Weiche sitzt. Dieselbe Knappheit kippt nicht überall ins Rauben, sie kann auch das Zusammenrücken und das Teilen auslösen, und was von beidem geschieht, hängt an der Umgebung und der Deutung. Knappheit erzwingt also keine Antwort, sie stellt eine Frage. Die einen antworten mit der Wagenburg, die anderen mit der geteilten Mahlzeit. Dieses Werk ist der Versuch, die zweite Antwort wahrscheinlicher zu machen, und es steht genau an dieser Weiche.

Der dritte ist, dass das Pendel in beide Richtungen schlägt. Die offenen Phasen sind kürzer, aber sie sind immer wieder eingetreten, aus jeder Raubtier-Phase sind die Menschen auch wieder herausgekommen. Es ist kein Absturz in einen ewigen Winter, es ist ein Pendel, und Pendel lassen sich beeinflussen. Die Frage ist nicht, ob es je wieder besser wird, sondern wer daran arbeitet, dass die nächste offene Phase früher kommt, tiefer trägt und länger hält als die kurzen Einschübe der Vergangenheit. Das ist eine Aufgabe, keine Vorhersage.

Der vierte und tiefste ist, dass dieses Werk gar nicht im Pendel mitschwingen will, sondern aus ihm aussteigen. Der ganze Rhythmus, liberale Phase und Raubtier-Phase im Wechsel, spielt sich innerhalb desselben Kapitalismus ab, es sind zwei Gesichter derselben Sache, und beide laufen auf Konzentration hinaus, das eine über den Markt, das andere über die Gewalt. Das Werk will nicht die nächste liberale Phase, es will eine Umgebung, in der die Fülle nicht am wachsenden Kuchen hängt und deshalb auch nicht kippt, wenn der Kuchen aufhört zu wachsen. Die Würde ohne Bedingung braucht keinen Überfluss, das Wir ohne das Gegen braucht keinen wachsenden Markt. Das ist der Ausstieg aus der Logik, die den Kippschalter überhaupt erst einbaut. Von hier aus gelesen ist der Baustein nicht düster, er ist die genaue Begründung, warum es dieses Werk braucht, denn ohne einen Ausstieg schlägt das Pendel ewig weiter.

Die ehrlichen Grenzen

Vier Vorbehalte. Erstens, Orains Werk ist eine starke Deutung, kein Konsens. Es ist ein Essay eines einzelnen Historikers, brillant und ernst besprochen, unter anderem vom Ungleichheitsökonomen Branko Milanović, aber es ist eine These über die Geschichte, keine gesicherte Gesetzmäßigkeit. Das Werk soll die Deutung als kraftvolles Werkzeug nehmen, nicht als bewiesenes Naturgesetz.

Zweitens, und das ist eine benannte Schwäche, Orains Blick ist eurozentrisch. Kritiker weisen darauf hin, dass er nur eine westliche Definition des Kapitalismus betrachtet und die eigenen Formen der Marktordnung in Asien übergeht, etwa das tributäre System Chinas. Die zyklische These ist an der westlichen Geschichte entwickelt und nicht ungeprüft auf die ganze Welt übertragbar.

Drittens, die Psychologie der Knappheit ist gut belegt, aber sie ist kein starrer Automatismus. Nicht jeder Mensch und nicht jede Gesellschaft kippt unter Knappheit ins Rauben, es gibt auch die entgegengesetzte Reaktion, dass Mangel Menschen zusammenrücken und teilen lässt. Dieselbe Knappheit kann Solidarität wecken oder Raubtier-Verhalten, und was von beidem geschieht, hängt an der Umgebung und der Deutung. Das ist keine Schwäche des Bausteins, es ist sein eigentlicher Hebel, denn genau in dieser Offenheit liegt der Ansatzpunkt dieses Werks.

Viertens, das Werk darf aus dieser Einsicht nicht die Leugnung realer Grenzen machen. Die ökologische Endlichkeit ist keine bloße Wahrnehmung, sie ist real, und die Antwort darauf ist nicht, sich den Überfluss einzureden, sondern anders mit der echten Grenze umzugehen. Fülle-Denken heißt hier nicht, es sei genug für jede Gier, sondern es sei genug für jedes Bedürfnis, wenn man teilt statt rafft.

Das Scheiter-Kriterium ist benennbar. Die These ist widerlegt, wenn sich zeigt, dass die Wahrnehmung von Knappheit Menschen und Gemeinschaften nicht in Richtung Nullsummen- und Raubtierverhalten kippt, dass also der Modus vom wahrgenommenen Mangel unabhängig ist. Und die Hoffnung des Werks ist bestätigt, wenn sich zeigt, dass Umgebungen, die das Fülle-Denken und das Teilen nahelegen, auch unter realer Knappheit weniger Feindseligkeit und mehr Zusammenarbeit erzeugen als Umgebungen, die den Mangel betonen. Beides ist beobachtbar, und der Beweis liegt nicht darin, die Grenzen zu leugnen, sondern darin, ob eine andere Umgebung unter denselben Grenzen eine andere Antwort hervorbringt.

Mehr davon: zurück zu den Gedanken. Die Sammlung wächst nach und nach.

Wenn du zu diesem Text etwas sagen willst: info@knotenpunk.de. Das liest ein Mensch, und du bekommst eine Antwort, auch wenn sie kurz ist.